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Die Entstehung der Charts
Da das Gespräch mal wieder auf die Musik-Charts kam, will ich das jetzt hier nochmals erklären.

Wie entstehen die Charts?
Wer glaubt, dass die etwas mit den Plattenverkäufen zu tun haben, der irrt gewaltig. Wie auch? Wer kauft schon Singles?

Ich hatte mich immer gewundert, wieso bei dem großen Label, bei dem ich ab und an arbeitete, die Manager (es gab da nur "Manager", lauter Häuptlinge und keine Indianer) erst gegen 10:00 Uhr aufschlugen.

Die Hauptarbeit, die diese Leute machen besteht darin, Kontakte zu den Radios zu knüpfen. Dazu gehen die eben abends noch in die angesagten Kneipen und saufen - rein beruflich - mit den Verantwortlichen der Sender bis in die Puppen.

Da wird dann eben mit Songs gedealt. So nach dem Motto: Du bekommst die neue Anastasia als Erster, dafür musst Du aber 10x die neue Silbermond spielen.

Die Charts setzten sich dann aus den im Radio gespielten Liedern zusammen. Die am meisten gespielt werden, die bekommen eben die oberen Plätze. So einfach ist das.

Ob die Leute das hören wollen? Dazu sage ich jetzt mal nichts. Das hat etwas mit dem Musikgeschmack" der Labels zu tun. Die machen die Hits, nicht der Käufer.

Und da wundert man sich, warum die Masse der Musik völlig austauschbar und ätzend künstlich ist.

Und nochmals was zu den Leute, die dort arbeiten. Aufgrund meiner Tätigkeit (nein, ich habe _nicht_ die Post ausgefahren :-) ) hatte ich Kontakt zu allen Leuten dort. 80% der Angestellten wurden nicht eingestellt, weil sie Leistung erbrachten, sondern weil sie "lustige", also ungewöhnliche Namen hatten oder weil das Äussere... ungewöhnlich war.

"Kim" als Vorname für einen Mann war da noch das Normalste. Ich werde jetzt an dieser Stelle keine weiteren Namen nennen, das wäre dann zu einfach. :-)

Die Anstellungsvoraussetzungen waren dort hinter vorgehaltener Hand sowieso der running Gag. Wer sucht denn schon "jung & hipp"?

Zur Ehrenrettung muss man aber sagen, dass in letzter Zeit die Leute nach Leistung ausgesiebt wurden.

Es traf aber auch keider sehr viele "ältere", fähige Mitarbeiter. "Älter" heisst Ü30! Klar gab es noch einige in den 30igern, aber so gut wie niemanden über 40! (jedenfalls nicht bei den Mainstream-Labels) Die sind eben nicht "jung und hipp".

Tja, und Charakterlich? Wer mag darüber urteilen? Ich kann nur sagen, dass mir in keiner Firma dermassen viele Menschen begegnet sind, die eine dermassen große Arroganz bei gleichzeitigen Realitätsverlust an den Tag legten.

Beispiel gefällig? Es sollte eine neue "Technologie" eingeführt werden, die voraussetzte, dass sich die Leute eine Software auf den PC luden (nur für Windows).

Auf meine Frage, wieso sie denn damit Käufer ausgrenzen würden, klappte bei einem der beiden Mitarbeiter nur der Mund auf.

Auf meine Frage wer denn für ein Musikstück in weit weniger als MP3-Qualität auf einem Handy denn bereit sei 3,- EUR zu zahlen, verfinsterte sich die Miene.

Auf meine Frage, warum man das nur mit Kreditkarte zahlen könne, platze ihm der Kragen!

Jeder hätte ja wohl eine Kreditkarte, wie ich dazu käme ihn vom Geldverdienen abhalten zu wollen!

Ich meinte daraufhin, dass ich seit Jahren keine mehr hätte, da man in Europa so gut wie alles mit der EC-karte zahlen kann und ich nicht auf die Idee käme mir eine zuzulegen, nur um Musik auf ein Handy zu laden.

Sein Kollege sagte dann nur: "Siehst Du? Das habe ich Dir doch gleich gesagt!" Tja, da war Polen dann offen.

Ich bin dan gegangen und habe die beiden in ihren Streit alleine gelassen.

Wenn wenigstens noch eine gewisse Kompetenz hinter deren Arroganz stecken würde, aber nein, die führten sich in meinem Arbeitsgebiet (von dem sie nicht die Spur einer Ahnung hatten) wie die Axt im Walde auf. Da gab es mir doch eine Genugtuung, ab und an leichte Zweifel zu streuen.

Mit nur sehr wenigen konnte man noch normal reden. Der Witz war, dass das mit dem Anspruch der Musikrichtungen korrelierte. Mainstream Pop war die unterste Schublade der Angestellten, bei Klassik fand man die gebildetsten und umgänglichsten Mitarbeiter.

Was ein Glück, das ich dort nie nie wieder arbeiten werde. Das ist eine wirkliche Erleichterung für mich.
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